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Interview mit Alexander Dettke, Wilde Möhre

Montag, 11. Oktober 2021

Wir haben Alexander Dettke von der Wilden Möhre gefragt, ob er sich bei unserer Auftaktveranstaltung „Zukunft Kreativwirtschaft“ einbringen möchte. Da war er sofort dabei. Wir freuten uns riesig und haben die Gelegenheit genutzt, um ihm ein paar Fragen zu stellen.

Kreativagentur: Fühlst du dich in der Brandenburger Kulturszene vernetzt, gibt es viel Austausch oder kochen da alle ihr eigenes Süppchen? 

Alexander Dettke: Wir von der Möhre sind ein Team, das sehr auf Austausch aus ist. Ich habe viele Jahre im Vorstand der Clubcommission Berlin für die Vernetzung von Festivals gesorgt. Auch in Brandenburg habe ich mit vielen hier ansässigen Festivals zu tun. Für gemeinsame Gespräche habe ich regelmäßig runde Tische organisiert. Die Brandenburger Kulturszene ist sehr breit gefächert. Ich nehme mit, was es gibt. Aber ein Festival funktioniert natürlich anders als die festen Locations, weil es in der Regel nur ein oder ein paar Mal im Jahr stattfindet. Grundsätzlich fühlen wir uns als Festival gut vernetzt. Aber das kommt auch dadurch, dass wir das vorantreiben. 

Siehst du noch Baustellen oder Intensivierungsbedarf? Gibt es etwas, das du dir in der Szene für die Zukunft wünschst? 

Es gibt natürlich immer Intensivierungspotenzial. Vor allem weil die Festivals in Brandenburg noch stark unterrepräsentiert und im Bundesdurchschnitt betrachtet sehr klein sind. Brandenburg erwirtschaftet bundesweit ein Sechzehntel des Umsatzes von Festivals. Das ist genauso viel, wie wir Bundesländer haben. Man könnte also sagen, Brandenburg sei Durchschnitt, aber das ist eigentlich underperformed. Wenn man einbezieht, dass Brandenburg ein Flächenland ist und es zum Beispiel mit Hamburg vergleicht, müsste Brandenburg ein viel größeres Angebot haben. Dass die Festivals so klein sind und nicht größer werden, liegt natürlich an den Rahmenbedingungen, die vorherrschen. Die muss man bearbeiten und das kann man als Netzwerk viel besser. Ein Beispiel ist das Thema Rechtssicherheit. Jede Kommune macht da ihr eigenes Ding. Andere Themen sind Nachwuchsförderung, Flächen zur Verfügung stellen, Baurecht. Da gibt es eine Reihe von Dingen, die man in Netzwerken und mit Leuten, die sich um die Netzwerke kümmern, sicherlich klären könnte.  

Wie sieht es mit weiteren Rahmenbedingungen aus? Wie geht es euch beispielsweise mit der Finanzierung? 

Die Wilde Möhre ist in einer sehr komfortablen Situation und hat seit Neustem durch Strukturmittel die Möglichkeit, den Strukturwandel mitzubegleiten. Das ist sehr außergewöhnlich. Andere Festivals haben nicht das Glück – oder haben es noch nicht. Meine Sichtweise auf Kultur ist aber nicht so, dass Kultur immer finanziert werden muss. Ich glaube, dass kulturelles Angebot sich finanziell selbst tragen kann und auch sollte. Ich erlebe, dass Gäste durchaus bereit sind, für ihr Ticket zu zahlen und auf die Möhre zu kommen. Warum sollte das woanders nicht möglich sein? Deswegen bin ich kein Riesenfreund von Finanzierung von außen oder von großen Geldpaketen. Die verzerren den Wettbewerb. Stellt euch vor, das Festival Wilde Möhre wird superkrass finanziert, kann sich großartige teure Acts leisten und macht die Ticketpreise günstig. Dann hat der Nächste, der was machen will, einen großen Nachteil, weil die Gäste sagen: „Ich kann ja auch zur Möhre gehen, hab da Megaacts für einen billigen Preis und bei dir soll ich mehr zahlen.“ Das ist das Dümmste, was man machen kann. Bloß nicht Einzelne raussuchen und da den Geldhaufen draufschmeißen, zumindest nicht fürs Programm. Dann eher tief in der Struktur angreifen und zum Beispiel fördern, wenn man Brandenburger Musiker:innen bucht. So was kann ich mir vorstellen. Aber Geld ist aus meiner Sicht die falsche Forderung. Die richtige Forderung wäre – zumindest im Festivalkontext –, die Rahmenbedingungen zu schaffen, mit denen Festivals von allein wachsen können.  

Wie könnte das konkret aussehen? 

Viele Festivals scheitern an den Kommunen, weil die jeweilige Kommune selbst Genehmigungen ausstellt und häufig nicht das Wissen hat, was da alles reingehört und was man von einem Veranstalter verlangen kann. Das führt dazu, dass absurdeste Dinge verlangt werden. Festivals dürfen dann irgendwo sehr laut spielen, was gut für die Gäste und die Ticketverkäufe ist, und woanders müssen sie dann extrem leise sein. Das ist eine Wettbewerbsverzerrung. Es gibt einheitliche Regeln, die müsste man stärker durchsetzen. Das könnte man zum Beispiel dadurch machen, dass es in einem Ministerium eine Person oder eine Gruppe, die als Ansprechpartnerin fungiert. Man muss Strukturen schaffen, wenn man tatsächlich Festivalland werden will. Strukturen, in denen Kommunen sich beraten lassen können, was zu mehr Gleichheit führt und zu einer besseren rechtlichen Verlässlichkeit. Das große Problem ist: Festivalveranstalter müssen anfangen, Tickets zu verkaufen, damit sie ihre Struktur finanzieren können, damit sie Leute beschäftigen können, die überhaupt die Veranstaltung anmelden. Und Kommunen geben eine Genehmigung oft erst wenige Tage oder Wochen, frühestens Monate vor Veranstaltungsbeginn. Aber die Festivalplanung beginnt ja ein Jahr vorher. Das heißt, man hat vorher über einen langen Zeitraum gar keine Rechtssicherheit. Das würde kein anderes Gewerbe mitmachen. Das sind katastrophale Ausgangssituationen und da muss man ran und dafür sorgen, dass es mehr Sicherheit für Kreative gibt. Sonst wird man diese Formate hier nicht bekommen. So einfach ist es.  

Wir danken Alexander Dettke für seine Zeit und das Interview!  Zur Website des Wilde-Möhre-Festivals geht es hier entlang: https://wildemoehrefestival.de/  

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